Die Essenz in Kürze:
Manchmal bedarf es der räumlichen Freiheit, um im Inneren wieder Weite zu spüren. Vier Tage auf dem Sächsischen Jakobsweg von Dresden nach Chemnitz liegen hinter mir – ein intensives Pilgern, das sich als Reise zu neuen Perspektiven erwies. Wenn die Schritte gleichmäßiger werden und der Weg bergauf fordert, ordnen sich die Gedanken fast wie von selbst. Ein persönlicher Rückblick auf äußere Anstiege, unerwartete Begegnungen am Wegesrand und die Erkenntnis, wie sehr das gemeinsame Unterwegssein den inneren Kompass neu ausrichtet.
Nun sind sie schon vorbei, die vier Tage Männer-Pilgern. Ich sitze zu Hause auf unserem Balkon und schaue zurück auf das, was war. Gut, dass wir einen Balkon haben. Nach den vier Tagen räumlicher Freiheit wäre es mir im Raum zu eng.
Vom Suchen und Finden der Gruppe
Aber zurück zum Anfang. Das Interesse am ersten Männer-Pilgern war groß – auch von Frauen, die nach einem Angebot für sich selbst fragten. Drei Männer wollten unbedingt dabei sein. Einer war entschieden genug. Damit war er Teilnehmer und zugleich die Gruppe. Die erwartbaren gruppendynamischen Prozesse haben somit eher innerlich stattgefunden.
Der erste Tag diente dem Kennenlernen und dem Schauen, wie wir so miteinander sein wollen und können. Treffpunkt war die Kreuzkirche. Feierliche Übergabe des Pilgerausweises. Der erste Stempel. Und, weil wir schon einmal hier waren, die Besteigung des Turmes. Die Sicht war gut und ich konnte die Richtung und das erste Ziel zeigen.
Etappe 1: Höhenmeter und neue Perspektiven
Dann ging es auf „den Weg“, dem wir die nächsten vier Tage folgen würden. Das Lauftempo war zügig. Die Pausen waren kurz. Neben den Stufen im Turm gab es noch einige Höhenmeter am Stück zu überwinden. Überhaupt verstärkte sich der Eindruck, es würde die meiste Zeit bergauf gehen. Der Eindruck blieb über die gesamte Zeit erhalten. Allerdings änderten sich die Perspektiven und Interpretationen bezüglich dieses Phänomens.
Vergleichsweise schnell und relativ entspannt kamen wir am Nachmittag in Grumbach an und wurden sehr freundlich in der Pilger-Herberge empfangen. Der Vergleich bezieht sich auf meine Vorerfahrungen, denn wie du weißt, bin ich die Strecke schon mehrfach mit einer Gruppe junger Männer im Auftrag der Jugendhilfe im Strafverfahren gegangen. Anders war diesmal auch, dass ich der alleinige Verantwortliche war. Dieser Unterschied war für mich davor und dabei gut spürbar.
Da wir in den nächsten zwei Tagen nur bedingt die Möglichkeit dazu haben würden, versorgten wir uns noch vor Ort mit Vorräten. Der Herbergsvater lud uns am Abend zum gemeinsamen Essen und Austausch zur Lage in der Welt ein. Zudem versorgte er uns noch mit frischen Tomaten und Gurken. Klar, das alles musste dann auch getragen werden, wurde jedoch mit jeder Mahlzeit leichter.
Etappe 2: Durch den Wald zur Halbzeit
Auf gemeinsamen Wunsch ungefrühstückt und ohne Hast starteten wir gegen 9 Uhr zur zweiten Etappe. Waren die Wetteraussichten für den ersten Tag noch durchwachsen und kühl, sollte es heute schon wärmer werden. Gut, dass weite Teile der Strecke durch den Tharandter Wald gingen. Ebenso zur Wärme passte die Idee, in Grillenburg die Pause am und im Badesee verbringen zu wollen. Die Pause im Schatten war erholsam, nur für das erfrischende Bad fehlte schlicht das Wasser.
Angekommen in Naundorf, war der Tag noch jung und das dortige Waldbad lockte. Mit einer Wassertemperatur von 18 °C war nun gut für Abkühlung gesorgt und der Proviant verlor erneut an Gewicht. Ein sehr entspannter Abend zur Halbzeit.
Etappe 3: Stille, Domgeläut und weite Wege
Unsere Pension lag direkt am Pilgerweg und in wenigen Schritten waren wir gegen 9 Uhr wieder in der Natur. Eine ganze Weile schlängelte sich der Weg großzügig am Wasser entlang, bevor es erneut nicht enden wollend bergauf ging. Belohnt wurden die Anstiege jeweils mit äußerlicher Stille und einer guten Aussicht am Ende. Nicht ganz so still war es innerlich. Nicht selten tauchen die Fragen nach dem Sinn dieser Unternehmung in solch herausfordernden Abschnitten auf. Alle anderen Fragen des Lebens nutzen jede Form des Weges. Die Antworten auch.
Nach dem nächsten Aufstieg dieser Art öffnete sich schon der Blick auf Freiberg. Wir sahen den Dom, konnten jedoch noch nicht ahnen, dass wir noch mehrfach beschenkt werden sollten. Dort angekommen, sahen wir mehrere Menschen. Einer davon war sehr groß gewachsen, trug kirchliches Gewand, strahlte eine ansteckende Freundlichkeit aus und lud uns direkt zum Sonntagskaffee in die Annenkapelle ein. Allein sie erstmalig von innen sehen zu können, war ein Genuss.
Danach holten wir unseren Stempel im Domladen und, anders als geplant, folgten dem unmissverständlichen Drängen einer hochbetagten Domführerin: „Wenn Sie hier sind, müssen Sie den Dom auch unbedingt besuchen!“ Als Pilger ging das kostenfrei und da zeitgleich eine Führung begann, wurden auch noch zwei Stücke auf der Silbermannorgel „für uns“ gespielt. Selbst zur Führung wurden wir noch eingeladen, was unsere Idee von einer kurzen Pause jedoch gänzlich infrage gestellt hätte.
Auf der Suche nach dem für mich passenden Geldautomaten (einem Stück Pflaumenkuchen und einem Eisbecher) landeten wir im Momo, einer Kaffeerösterei. Pflaumenkuchen gab es nicht, aber der Kaffee war bestens und auch sonst wirkte alles sehr einladend. Schon wieder auf dem Weg, sollte es doch noch ein Softeis sein. Das hätten wir besser lassen sollen.
Weiter ging es gen Oederan. Klar gab es auf der Strecke wieder Anstiege, aber nicht nur. Eine große Unterstützung an diesem heißen Tag war der Brunnen vor dem Gasthof in Kleinschirma mit sehr klarem und sehr kaltem Wasser. Zu großen Teilen über wirklich malerische Wege ging es wieder in den Wald. Danach durch das unvergesslich (laaange) Kirchbach bis auf 519 m ü. NHN, um gleich wieder in den Stadtwald von Oederan abzubiegen. Die Strecke war mit 26 km diesmal etwas länger als an den anderen beiden Tagen. Durch die relativ lange Pause in Freiberg lockte nun schon das Abendessen im Zentrum. Schließlich war es unser letzter gemeinsamer Abend auf dem Weg und Grund genug, uns für dreiviertel der Strecke zu feiern.
Etappe 4: Wetterwechsel und das Ziel vor Augen
Frühstück und aufmunternde Wetterprognosen waren hier inklusive, denn schon in der Nacht hatte es immer wieder kräftig geregnet. Passend gekleidet und dennoch hoffend, starteten wir auch hier gegen 9 Uhr ins kühle Nass. Nicht weit hinter Oederan wurden der Wind und der Regen kräftiger, begleiteten uns noch etwas durch Falkenberg, um sich in Flöha zu verabschieden.
Die Strecke bot wenige Herausforderungen, hielt aber nach Flöha noch eine Überraschung für uns bereit. Schon auf guter Höhe angekommen, führte der Weg nach einer Kurve ganz gerade steil bergauf. Immer wenn wir glaubten, es sei geschafft, zeigte sich ein weiteres Stück des Anstiegs. Das wiederholte sich dreimal und am Ende waren es vermutlich insgesamt 1,5 km. Oben angekommen, weitete sich der Blick. Wir konnten den bunten Schornstein von Chemnitz sehen und linker Hand davon das Congress Hotel Chemnitz.
Um dort auch anzukommen, brauchte es noch etliche Schritte. Begleitet von weiteren schönen Aussichten erreichten wir vorerst Euba – mit Kirche, Pfarrhaus, Stempel und Katze. Nach der Pause schritten wir erneut kraftvoll voran, um nach nicht allzu langer Zeit auch das Ortseingangsschild von Chemnitz zu erreichen. Bis zu unserem Endpunkt, der Stadtkirche St. Jakobi, sollte es jedoch noch weit sein und lange dauern. Zuerst ging es lange durch den belebenden Stadtwald, als ob es keine Stadt mehr zu erreichen gäbe. Dann durch etliche Stadtteile, vermutlich um wirklich jede Kirche diesseits des Weges gesehen zu haben. Dann zeigte sich das Zentrum, was für uns nach so vielen Schritten über Land mehr als gewöhnungsbedürftig war.
Endlich an der Kirche angekommen, war sie verschlossen. Wie so oft vorab, waren wir dennoch zur rechten Zeit am rechten Ort. Die eben noch verschlossene Tür öffnete sich von innen. Die freundliche Frau sei nur zum Blumengießen da gewesen, ließ uns als Pilger jedoch gern in die Kirche. So landete nun auch dieser vorerst letzte Stempel in unserem Pilgerausweis.
Nun sind es nur noch ca. 3.000 km bis Santiago de Compostela. Liefen wir wie bisher weiter, wären wir in 120 Tagen da. Eine reizvolle Idee, oder?
Resümee: Schritte in eine gelungene Zukunft
Der Anfang ist gemacht. Der Weg ist das Ziel. Im Leben geht es auf und ab. Selbst eine Weltreise beginnt mit dem ersten Schritt. Alles eine Frage der Perspektive. Wer sein Ziel kennt, dem ist kein Weg zu weit.
Diese Sätze und viele mehr kennen wir. Was sie (für uns) bedeuten können, lässt sich auf diesem Weg gut beobachten. Jeden Moment aufs Neue. Nichts ist eindeutig. Vieles wird dennoch klarer. Wenn auch „nur“ für mich.
Der Mann, den ich begleiten durfte, wird sein Resümee noch ziehen. Nach dem, was ich hören und beobachten durfte, könnte es den Impuls zum Losgehen beinhalten. Den hat er zu einem für ihn wichtigen Zeitpunkt durch mein Angebot erhalten. Zu der Zeit und an der Stelle in seinem Leben machte es für ihn Sinn, diesem Impuls zu folgen: Sich auf den Weg zu machen – von mir vorbereitet und durch mich begleitet. Nach dem Start hat er ihn zu seinem Weg werden lassen und sein Blick auf die Entscheidung und den Weg wird sich über die Zeit ändern.
Dein eigener Weg
Wenn du auch gerade an so einer Stelle im Leben bist, wo du denkst, Begleitung könnte es für dich leichter machen, melde dich gern bei mir. Das kann die Begleitung auf einem physischen Weg sein, wie es der Pilgerweg ist. Natürlich auch, wenn es um andere mutige, erste Schritte im Inneren geht.
Das Angebot für eine begleitete Pilgerreise wird es im nächsten Jahr wieder geben. Wie in diesem Jahr für Männer und neu auch als gemischte Gruppe.
Melde dich gern direkt bei mir, um zeitnah weitere Informationen zu erhalten.
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