(m)ein gutes Leben vor dem Tod: Warum die Endlichkeit unsere größte Gestalterin ist
Der Tod ist ein ständiger Begleiter. Eigentlich ist er das für uns alle, doch meistens behandeln wir ihn wie einen ungebetenen Gast, den man lieber ignoriert, solange er nicht direkt an die Tür klopft. In meiner Welt ist das anders. In meinen Schubladen und Gedanken flattern seit Jahrzehnten Notizen, Dokumente und Reflexionen zu diesem Thema.
Der Grundstein für diese lebenslange Auseinandersetzung wurde früh gelegt: durch den Tod meiner Mutter. Sie war erst 44 Jahre alt, ich gerade 20.
Heute, gut 40 Jahre später, ist der Schmerz über diesen Verlust noch immer präsent. Er hat sich gewandelt, ist leiser geworden, aber er bleibt Teil meines Fundaments. Doch neben dem Schmerz spüre ich vor allem eines: tiefe Dankbarkeit. Ohne diese radikale, schmerzhafte Erfahrung wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin. Ich würde die Welt nicht mit diesen Augen sehen. Mit 20 Jahren begriff ich unmissverständlich, dass das Leben endlich ist und dass es keine Garantie für seine Dauer gibt – für niemanden, auch nicht für mich.
Vom Bewusstsein zur Begleitung
Was damals unbewusst begann, entwickelte sich über die Jahrzehnte zu einer bewussten Lebenshaltung. Ich wollte mir meiner selbst sicher sein, um im nächsten Schritt bewusst sein zu können. Aus diesem eigenen Prozess wuchs mein heutiges berufliches Selbstverständnis als systemischer Business Coach.
Mein Antrieb ist es, anderen Menschen den Raum, die Zeit und die Gelegenheiten einzuräumen, damit sie ihre eigenen Bedürfnisse erkennen und ihre Vision eines erfüllten Lebens – sowohl privat als auch beruflich – entfalten können.
Doch warum schreibe ich das gerade heute?
Weil ich den Tod jüngst wiederholt nicht als Ende, sondern als einen unglaublich kraftvollen Impuls für das Hier und Jetzt erlebt habe. Ja, wir leben in einer Kultur, die das Sterben noch immer tabuisiert. Doch wie Erich Kästner treffend bemerkte: „Das Leben ist lebensgefährlich und es endet immer mit dem Tod.“
Wenn wir anerkennen, dass unsere Anwesenheit auf dieser Welt alles andere als selbstverständlich ist, entsteht Raum für Demut und Dankbarkeit. Jeden Tag bewusst zu gestalten und am Abend mit dem Gefühl zu schließen, dem eigenen Leben Sinn gegeben zu haben – das ist der Kern eines guten Lebens.
Das Hospiz als Ort der Lebendigkeit
Ein weiterer Impuls für diesen Text ist meine aktuelle Arbeit mit dem Leitungsteam eines Hospizes.
Man könnte meinen, ein Hospiz sei ausschließlich ein Ort des Todes und der Trauer. Oft ist genau das Gegenteil der Fall. Statt Tod bevorzuge ich den Begriff „Lebensende“, denn er stellt das Leben ins Zentrum – das Leben, das nun zu Ende geht. Ob kurz oder lang, im Hospiz ist das Leben das zentrale Thema. Es geht um das gelebte Leben, aber vor allem um jeden verbleibenden Tag, der noch gestaltet werden kann.
Interessanterweise führt die Klarheit der Diagnose bei den Betroffenen oft zu einer Akzeptanz, die eine ungeahnte Lebendigkeit, Selbstbestimmung und Bewusstheit freisetzt. Ich frage mich oft: Welches Potenzial könnten wir in unserem Alltag entfalten, wenn wir diese Gewissheit der Endlichkeit nicht verdrängen, sondern sie als Kompass nutzen würden?
Die Vermeidung des „Hätte ich doch…“
In der Palliativpflege und der Sterbeforschung ist ein Phänomen gut dokumentiert: Menschen bereuen am Ende ihres Weges selten das, was sie getan haben. Sie bedauern das ungelebte Leben. Die australische Sterbebegleiterin Bronnie Ware hielt in ihrem bekannten Werk „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ fest, dass der häufigste Wunsch lautet: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu sein, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.“ [1]
Wir, die wir mitten im Leben stehen, haben die Freiheit, dies heute zu ändern. Wir können aktiv Einfluss auf das nehmen, was noch kommen darf. Ich nenne das die Gestaltung einer „gelungenen Zukunft“. Mein Ziel ist es, Menschen einzuladen, ihre eigene gelungene Zukunft zu entwerfen. Damit der Blick zurück, wenn der Tag des Abschieds gekommen ist, ein zufriedener sein kann. Ein Leben, das weitestgehend als gelungen empfunden wird, ermöglicht ein leichteres Loslassen und damit ein wirklich gutes Ende.
Der Mut zum eigenen Weg
Unter anderem aus eigener Erfahrung weiß ich: Diesen Weg zu gehen, erfordert Mut. Es braucht Mut, sich selbst wirklich kennenzulernen, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ernst zu nehmen und für sie einzustehen. Oft bedeutet es auch, den Mut aufzubringen, Wege zu beschreiten, die bisher unbekannt oder ungewöhnlich erscheinen.
Die Auseinandersetzung mit dem Lebensende ist kein morbider Akt, sondern die höchste Form der Selbstfürsorge. Sie ist die Einladung, heute so zu leben, dass das „Gute Leben vor dem Tod“ keine bloße Vision bleibt, sondern Realität wird.
Gerne begleite ich Sie dabei, diesen Mut zu finden und Ihre persönliche gelungene Zukunft zu gestalten.
Quellen:
[1] Ware, Bronnie: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Das Buch zum Blog. Arkana Verlag, 2012.
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