Pflaumenkuchen und Ein-Personen-Gruppe – (K)ein Reisebericht
„Ich bin dann mal weg“ wäre auch eine treffende Überschrift gewesen, aber das ist mir jemand vor Längerem zuvorgekommen. Aber es passt. Ich wollte und musste raus. Raus aus dem Alltag, raus aus der Verantwortung, raus aus dem Kopf und auch aus der vermeintlich sicheren Komfortzone. Aber der Reihe nach…
Der Wunsch, den Camino zu gehen, war schon länger da. Mit der Umsetzung hat es etwas gedauert. Doch dann erreichte mich eine E-Mail mit dem Angebot von Udo zum begleiteten Pilgern, auf Umwegen und weitergeleitet von einem lieben Menschen, den ich sehr schätze. Manchmal kommt der richtige Impuls eben genau dann, wenn die Zeit dafür reif ist. Es passte einfach alles, inhaltlich, zeitlich, organisatorisch – einfach loslaufen.
Mein eigentlicher Weg begann vor einiger Zeit mit Büchern, Coachings, Selbsterfahrungen; Seminaren, Retreats und anderen Formaten. Zum großen Teil in Gruppensettings aber auch 1:1. Teils in rein männlichen Gruppen aber auch gemischt. Diese Erfahrungen zusammen mit dem Pilgern hörte sich für mich sofort spannend an und nach einem Telefonat mit Udo war ich angefixt. Ich wollte das unbedingt machen. Auch weil mir seit einiger Zeit immer klarer ist, dass die eigene (Lebens-) Zeit begrenzt ist und daher das was dran ist, auch JETZT gemacht werden darf. So sollte es sein!
Der Tag des Abmarsches rückte näher und schließlich wurde klar, dass zwar die Interessebekundungen von anderen Männern für diese Art des Pilgerns da waren, aber die finalen Entscheidungen dafür dann doch anders getroffen wurde. Also war ich die Gruppe, statt fünf Männer nur ich und Udo. Das verunsicherte mich am Anfang etwas und auch Enttäuschung kam auf, aber nichts geschieht ohne Grund. Dann also 1:1 -Betreuung beim Pilger, was für ein Privileg, was für eine Herausforderung.
Meine Empfindungen und Erfahrung der vier intensiven Tage des Gehens lassen sich nicht so leicht in Worte fassen, deshalb würde ich diesen Teil auch nur sehr kurzhalten. Nicht weil ich es nicht teilen will, sondern weil diese Erfahrungen besser selbst erlebt werden dürfen.
Vom regen Austausch bis zum längeren stumm und stoisch nebeneinander hergehen war alles dabei und alles hatte seinen Platz und seine Berechtigung. Die Prozesse kamen von selbst und hatten ihren Raum. Stellenweise wurde aus dem Gehen eher eine Art Meditation, aber auch Zeiten von Kopf-Leer-Machen und Neu-Sortieren waren dabei. Der Weg, die Natur und das Gehen an sich taten ihr Bestes dafür.
Einen Running-Gag gab es natürlich auch. Ich hatte immer das Gefühl, und das schon nach den ersten Kilometern, dass wir nur bergauf gehen. Und egal wie tief unserer Abstiege zwischendurch in Täler, Dörfer und Städte auch waren, die Anstiege lauerten schon hinter der nächsten Ecke.
Immer länger, höher und anspruchsvoller als die Abstiege. Und diese Steigungen hatten es meist in sich, mental und körperlich, aber sie boten fast immer eine tolle Aussicht und neue Perspektiven und das gute Gefühl, es geschafft zu haben. Während ich am Anfang die Anstiege eher als lästig empfand, wurden diese später zur Belustigung und letztendlich war es meine persönlichen Challenge, diese möglichst ohne Pause in einem Zug zu „erklimmen“.
Vielleicht ist das eine der wesentlichen Erkenntnisse dieses Teil meines Weges. Egal wo man(n) steht, es geht immer weiter, immer bergauf. Egal wie schwer, egal wie steil oder mühsam. Der Weg lohnt sich, immer!
Und der Pflaumenkuchen? Das Bedürfnis nach einem Stück leckerem Pflaumenkuchen setzte sich am dritten Tag der Reise in meinem Kopf fest. Und da Bedürfnisse nur erfüllt werden können, wenn man sie anspricht, teilte ich dieses mit Udo. Leider war es uns unmöglich an diesem Tag irgendeine Art von Pflaumenkuchen aufzutreiben, stattdessen gab es in einem kleinen Kaffee einen sehr leckeren Flat White nur eben ohne Kuchen. Aber so ist es mit Bedürfnissen, nicht alle erfüllen sich gleich und sofort, aber der Mut sie zu adressieren ist der erste Schritt.
Den unterwegs so ersehnten Kuchen gab es Tage später in einem Kaffee in Dresden. Den ersten Bissen im Mund musste ich plötzlich grinsen und loslachen. Vom Nachbartisch kamen musternde und kritische Blicke. Das war mir egal, es sind meine Erfahrungen und Erlebnisse und das was ich damit verbinde. Das muss niemand verstehen und schon gar nicht bewerten. Auch eine Einsicht, die der Weg mit sich bringt.
Kurz und knapp: Würde ich es empfehlen? Uneingeschränkt! Die Erfahrung den Weg zu gehen ist durch nichts zu ersetzen. Eins vielleicht noch. Auf diesem, meinem Weg wurde mein Rucksack wieder etwas leichter, und ich meine nicht nur den, den ich vier Tage auf meinem Rücken trug.
In diesem Sinne, BUEN CAMINO allen, die sich mutig auf ihren Weg machen – AHOU Rene
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